Vom Barockstile



Vom Barockstile. – Wer sich als Denker und Schriftsteller zur Dialektik und Auseinanderfaltung der Gedanken nicht geboren oder erzogen weiß, wird unwillkürlich nach dem Rhetorischen und Dramatischen greifen: denn zuletzt kommt es ihm darauf an, sich verständlich zu machen und dadurch Gewalt zu gewinnen, gleichgültig ob er das Gefühl auf ebenem Pfade zu sich zu sich leitet oder unversehens überfällt – als Hirt oder als Räuber. Dies gilt auch in en bildenden wie musischen Künsten; wo das Gefühl mangelnder Dialektik oder des Ungenügens in Ausdruck und Erzählung, zusammen mit einem überreichen, drängen den Formentriebe, jene Gattung des Stiles zutage fördert, welche man Barockstil nennt. – Nur die Slechtunterrichteten und Anmaßenden werden übrigens bei diesem Wort sogleich eine abschätzige Empfindung haben. Der Barockstil entsteht jedesmal bein Abblühen jeder großen Kunst, wenn die Anforderungen in der Kunst des klassichen Ausdrucks allzu groß geworden sind, als ein Natur-Ereignis, dem man wohl mit Schwermut – weil es der Nacht voranläuft – zusehen wird, aber zugleich mit Bewunderung für die ihm eigentümliche Ersatzkünste des Ausdrucks und der Erzählung. Dahin gehört schon die Wahl von Stoffen und Vorwürfen höchster dramatischer Spannung, bei denen auch ohne Kunst das Herz zittert, weil Himmel und Hölle der Empfindung allzu nah sind: dann die Beredsamkeit der starken Affekte und Gebärden, des Häßlich-Erhabenen, der großen Massen, überhaupt der Quantität an sich – wie dies sich schon bei Michelangelo, dem Vater oder Großvater der italienischen Barockkünstler ankündigt –: die Dämmerungs-, Verklärungs- oder Feuerbrunstlichter auf so starkgebildeten Formen: dazu fortwährend neue Wagnisse in Mitteln und Absichten, vom Künstler für die Künstler kräftig unterstrichen, während der Laie wähnen muß, das beständige unfreiwillige Überströmen aller Füllhörner einer ursprünglichen Natur-Kunst zu sehen: diese Eigenschaften alle, in denen jener Stil seine Größe hat, sind in den früheren, vorklassischen und klassischen Epochen einer Kunstart nicht möglich, nicht erlaubt: solche Köstlichkeiten hängen lange als verbotene Früchte am Baume. – Gerade jetzt, wo die Musik in diese letzte Epoche übergeht, kann man das Phänomen des Barockstils in einer besondern Pracht kennenlernen und vieles durch Vergleichung daraus für frühere Zeiten lernen: den es hat von den griechischen Zeiten ab schon oftmals einen Barockstils gegeben, in der Poesie, Beredsamkeit, im Posastile, in der Skulptur ebensowohl als bekanntermaßen in der Architektur – und jedesmal hat dieser Stil, ob es ihm gleich am höchsten Adel, an dem einer unschuldigen, unbewußten, sieghaften Vollkommenheit gebricht, auch vielen von den Besten und Ernstesten seiner Zeit wohlgetan: – weshalb es, wie gesagt, anmaßend ist, ohne weiteres ihn abschätzig zu beurteilen; so sehr sich jeder glücklich preisen dargf, dessen Empfindung durch ihn nicht für den reineren und größeren Stil unempfänglich gemacht wird.

On the Baroque -- He who knows that he is not born or trained to master dialectic and the unfolding of ideas as a thinker or writer will unconsciously resort to rhetoric and dramatic expression, for after all his goal is to make himself understood and in this way gain forcefulness; he does not care whether he honestly guides the hearts and minds of his fellow men, like a shepherd, or whether he catches them by surprise, like a robber. This also applies to the visual arts and music, where a feeling of deficiency in dialectic, or expression and narration – accompanied by an urgent, overwhelming will to form – produces the species or style known as the Baroque. Only the ignorant and arrogant, by the way, will immediately associate this word with something to be disparaged. The Baroque always arises with the decline of great art, when the demands of classical expression become too great. This natural process will be observed with melancholy on the one hand, for it is a harbinger of the night, but also with admiration, for it possesses unique compensatory skills of expression and narration, for it possesses unique compensatory skills of expression and narration. The Baroque comprises, first, the choice of material and subjects of the greatest dramatic tension, which makes the heart tremble even without art, because heaven and hell are too close to the emotions. Then, the oratory of strong passions and gestures, of the ugly-and-sublime, of great masses, of sheer quantity (as is already announced in Michelangelo, the father or grandfather of Italian Baroque artists); the lights of dusk, transfiguration or conflagration playing on these strongly molded forms; ever new risks in instruments and intentions, strongly accented by artists for artists, while the layperson must fancy that he witnesses a constant and unconscious overflowing of primitive nature – art’s horns of plenty. All these characteristics, which constitute the greatness of the Baroque, are neither possible nor permissible in earlier, pre-classical and classical periods of art. Such delicacies have long been forbidden fruit hanging on the tree. In our own time, as music is passing into a final phase, we may become familiar with the phenomenon of the Baroque in its unique splendor and find much that is instructive about earlier periods, for the Baroque has often recurred since the time of ancient Greece: in poetry, in oratory, in prose, in sculpture, and – as is well known – in architecture. Although the Baroque falls short of the highest nobility – an innocent, unconscious, and triumphant perfection – it has nevertheless given pleasure to many of the best and most serious minds of its time. As mentioned above, this is why it is arrogant simply to vilify the Baroque, though we may be glad if it does not desensetize our taste for the purer and greater style. (Translated by Monika Kaup)